Osteopathie – Leben in Gesundheit

„Gesundheit finden ist die Aufgabe des Arztes, Krankheit kann jeder finden“

Mit dieser Aussage des Begründers der Osteopathie, Dr. Andrew Taylor Still, beschäftige ich mich, seit ich sie in den1990er Jahren während meiner Osteopathieausbildung erstmalig hörte. Was heißt Gesundheit finden? Laut Digitalem Wörterbuch der Deutschen Sprache bedeutet Gesundheit, körperliches und geistiges Wohlbefinden. Heißt „gesund-sein“ lediglich „frei von Krankheit“ zu sein, was sonst ist darunter zu verstehen? Ist Gesundheit ein natürlicher Zustand, der uns gegeben ist, oder muss dieser Zustand durch bestimmte Maßnahmen erst erreicht werden? Muss Krankheit zum Verschwinden gebracht werden, damit Gesundheit sich entfalten kann? Fragen über Fragen zu einem vordergründig einfachen Satz, der für mich in seiner Aussagekraft sehr schwer begreifbar war. Eine Patientin, ein Patient kommt auf Grund von Problemen zur Behandlung, ich soll Gesundheit finden, mich nicht auf die Krankheit konzentrieren? Mein Augenmerk begann sich mehr und mehr auf das Gesunde zu richten, um gleichzeitig den Symptomen weniger Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Gesundheit als Ausgangspunkt für die Behandlung

Zunächst war ich überfordert, als ich während einer Fortbildung vor ungefähr 13 Jahren dazu angehalten wurde, dem Patienten aus der Gesundheit heraus zu begegnen. Der Versuch mich in die Gesundheit zu begeben, verschaffte mir eine nur nebulöse Wahrnehmung meiner selbst und meines Übungspartners. Ich versank in Orientierungslosigkeit und Ungewissheit. Wie könnte es funktionieren, aus der Gesundheit heraus zu arbeiten? Der wiederholte Versuch mir mental Gesundheit vorzustellen, öffnete mit der Zeit fühlbar die energetischen Poren meines Körpers. Mein Bewusstsein wurde langsam, neben der physischer Wahrnehmung über meine Hände, auch empfänglich für die geistige und energetische Umgebung. Aber hatten diese Wahrnehmungen etwas mit der sogenannten Gesundheit zu tun? Fortan begann ich vermehrt in alle Richtungen zu forschen, Behandlungssituationen verstärkt zu reflektieren und forcierte es meinen Wahrnehmungen mehr und mehr zu vertrauen. Heute ist es mir im Alltag und während der Behandlungen selbstverständlicher, mich in einen mittlerweile gut bekannten Zustand der Stille und Empfänglichkeit zu begeben. In dieser Stille fühle ich eine Kraft, die durch die Behandlung führt, und die ich als einen Ausdruck von Gesundheit empfinde.

Bildquelle: Pixabay

Was kann Gesundheit alles sein?

Meinen Erfahrungen nach ist die Gesundheit etwas alles Durchdringendes, eine heilende Kraft oder Heilung selbst. Sie ist in meinem Wahrnehmungsbereich dauernd da, um und in mir, und um und in jedem Menschen dem ich begegne. Leichter nehme ich Gesundheit wahr, wenn ich mich gut fühle, gute Gedanken hege und glücklich bin. Bin ich zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt, vereinnahmt ein innerer Dialog meine Aufmerksamkeit. Das größere Ganze geht aus dem Blickfeld verloren, denn subjektive Wahrnehmung verhindert die Sicht auf das Wirken der Gesundheit.

Gesundheit ist auch dann da, wenn etwas zu Grunde geht. Vergegenwärtigen wir uns die Pflanzenwelt, sie erblüht im Frühjahr, stirbt im Herbst um nach der Winterszeit wieder zu neuem Leben zu erwachen. Wir Menschen werden geboren, erfahren die Jugend, das mittlere Alter und werden zu Greisen. Ein ganz normaler Vorgang, den wir erst dann nicht als gesund ansehen, wenn wir schon früher mit der Vergänglichkeit konfrontiert werden. Ein Beispiel aus dem menschlichen Körper. Unsere 25000 Milliarden Roten Blutkörperchen, die für den Sauerstofftransport zuständig sind, haben eine durchschnittliche Lebensdauer von 120 Tagen. Zellen entstehen, funktionieren über die ihnen eigene Lebensspanne, um am Ende ihrer Funktionsperiode anzugelangen und abzusterben. Nach 7 Jahren haben sich in einem menschlichen Körper alle Zellen erneuert.

Quelle: pixapay

Gesundheit bewirkt Veränderung

In der Natur werden Tiere oft schon vor ihrem möglichen natürlichen Ableben gefressen. Krankheit und Unfall können ebenfalls zu frühzeitigem Tod führen. Pflanzen vertrocknen als Folge bestimmter Umstände, beispielsweise durch eine Dürreperiode und sterben ab. Sie haben ihr biologisch vorgesehenes Ende nicht erreicht. Sind solche Prozesse aus höherem Blickwinkel betrachtet Krankheit, oder haben wir es mit natürlichen, gesunden Abläufen zu tun? In einer Krise ist die notwendig gewordene Veränderung oftmals nur schwer erträglich.

Mir ist mittlerweile der Eindruck entstanden, dass Absterben und wieder zu Humus werden, durch die selben Kräfte gelenkt wird, wie die Fähigkeit des Organismus sich selber zu heilen und gesunden. Denken wir nur daran, wie ein Knochen nach einem Bruch sich selber wieder heilt. Auch das menschliche Immunsystem kann Eindringlinge von außen selber wieder eliminieren. Sehr oft braucht es die Krise, einen Schock oder eine Verletzung um inne zu halten. Wir orientieren uns neu, um unserem Leben eine neue Richtung zu geben. Beginnt Gesundheit erst wenn Heilung einsetzt, oder bringt sie uns bereits in jene Situationen, die uns nötigen den eingeschlagenen Weg zu überdenken? 

Gesundheit im weiteren und engeren Sinne

Gesundheit im weiteren Sinne ist für mich eine im gesamten Universum wirkende Kraft. Sie wirkt verbindend und ist oftmals als Liebe im Herzen wahrnehmbar. Sie bewirkt stetige Veränderung, hat das Potential zu heilen und zu zerstören. Der Weltenraum wurde über Milliarden von Jahren von der Gesundheit kreiert. Sie wird ihn in dieser Form wieder vergehen lassen und verändern. Sie ist eine nicht immer als angenehm oder positiv wahrgenommene Kraft, weil sie neben Freude und Hoffnung auch Schmerz und Trauer verursacht. Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass wenn diese Kraft ohne Behinderung und Einschränkung wirken kann, das zwangsläufige Ergebnis Heilung im weitest gedachten Sinne sein wird. Deshalb sollte Gesundheit Ausgangspunkt für die osteopathische Behandlung sein.

Im engeren Sinne ist Gesundheit jene Kraft, die sich durch körpereigene Heilungsmechanismen zeigt. Bezogen, auf alltägliche kleine Missgeschicke, wenn wir uns beispielsweise aus Unachtsamkeit leicht in den Finger schneiden, lernen wir daraus achtsamer mit dem Messer umzugehen. Außerdem werden Gesundheitsprozesse die Wunde ganz ohne unser zutun verschließen und einer Heilung zuführen. Dafür verantwortlich sind die körpereigenen Gerinnungsmechanismen. Gesundheit kann uns Menschen vor unserer Selbstzerstörung retten, uns helfen wieder in Harmonie und Balance zu gelangen, oder uns im schlimmsten Fall frühzeitig vergehen lassen. Gesundheit ist an Kreation und Konstanz, aber auch an Zerstörung und Veränderung beteiligt.

Letztlich leitet die Gesundheit

Gesundheit zu finden in der osteopathischen Behandlung heißt in erster Linie die Verbindung zum Größeren wieder herzustellen. Ich als Osteopath verbinde mich mit meiner Umgebung, versuche alle Vorstellungen, auf welche Weise Heilung und Linderung passieren soll, loszulassen. Mittels Gespräch und dem Kontakt mit meinen Händen bin ich während der Behandlungen mit den Patienten synchronisiert. So stehe ich mit deren Wünschen und Anliegen in Kontakt. Aus dieser Verbindung entsteht ein Behandlungsgebilde, welches von der Gesundheit geleitet wird. Sie bestimmt was in der Behandlung geschieht, ob Beschwerden jetzt gelindert werden oder gar verschwinden sollen. Oftmals ermöglicht erst eine notwendige Erkenntnis das abklingen der Beschwerden. In Ehrfurcht stehe ich vor dem Werk, welches die Gesundheit vollbracht hat. Ich als Osteopath war nur staunendes Werkzeug.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.